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Der Gestus der Geometrie

Und dann stellt sich beim Nachdenken über die Reliefs von Irene Sauter das Paradoxon ein: zwischen Malerei und Skulptur ergibt sich ein Bild, das dem, was vor Augen tritt, widerspricht; die montierten Reliefs produzieren eine Erscheinung, die der Vorstellung entspringt. Man sieht die faktischen Gegebenheiten und denkt an etwas anderes. Warum? Auf der Schwelle zwischen Skulptur und Malerei dynamisieren diese materialbetont zusammengesetzten, im weiteren Sinne abstrakten Arbeiten mit wenigen Elementen eine poetische Metapher: Ellipse als Reduktionsprinzip. Visuell einfach, logisch kompliziert. Die Wandreliefs verdanken ihre Hängung den Konventionen der Malerei, ihre Zusammensetzung den Freiheiten der abstrakten Skulptur, ihren Ausdruck Sauters Gespür für das Nichtsichtbare. Darüber täuschen die Reproduktionen ihrer Arbeit hinweg. Nicht nur über die Formate und Oberflächenbeschaffenheiten, auch über den Sinn von Entfernungen. Ihre Reliefserien haben etwas mit der Bewegung derer zu tun, die sie sehen, sich seitlich oder frontal nähern und die richtige Einstellung suchen; oder auch derer, die sie einfach im Vorübergehen wahrnehmen.

In der 24-teiligen Serie Grobe Poesie resultiert Dynamik weniger aus der Farbe, vielmehr aus dem Wechsel der Verspannungen über dem Alternieren der Verhältnisbeziehungen. Grobe Poesie ist zwar innerhalb der Grenzen des abstrakten Expressionismus bestimmbar, doch bildet die material-dominant arme Beschaffenheit eine konkurrente Gegenläufigkeit. Gleichzeitig betont Irene Sauter in dieser ersten Serie nach Aufgabe der Malerei die Handschrift, den Gestus der Herstellung und folglich der Zeit. Grobe Poesie kann als Irene Sauters aus dem Metier heraus entwickeltes Statement zur Zersetzung und Verfransung des Gattungsbegriffs (Adorno) gelten: ein erkämpfter Abschied mit Rissen, Schrunden und Verwicklungen. Die Folge-Serie mit Papier auf Alu-Träger ist ruhig und kühl. Sie lässt sich hinsichtlich der Gattungsfrage auf Malerei wie Skulptur beziehen und behauptet sich stabil als Zwischenform. So What? nennt sie eine der Tafeln.

Worum geht es Irene Sauter? Sie zieht ihren Instinkt ins Kalkül, nützt die Geometrie als Instrument und sucht den Ausdruck einer Geste im Nicht-Sichtbaren. Der Sinn ihrer Arbeiten ergibt sich nicht aus den Sehdaten, sondern daraus, was diese hervorrufen. „Ich muss nicht das Gesicht sehen“, sagt sie, „ich erkenne die Menschen an ihrer Bewegung“. Analog sind ihre Reliefs. Man versteht es, wenn man sich ihrer erinnert.

 

so what? 1994 (Foto: Gerhard Haug)

 

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