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Irene Sauter

book 14 ist ein Buch mit zwei Buchrücken. Kleine Notizzettel stecken zwischen den Seiten. Doch der Impuls, nach dem Buch zu greifen, es zu öffnen und darin zu lesen, bleibt unbefriedigt. Die Verweigerung des Inhalts stellt dessen Existenz in Frage und macht ihn gleichzeitig begehrenswert.

Solcherart poetische Metaphern verwendet Irene Sauter seit jeher. Ihre Objekte verblüffen stets, weil sie visuell einfach gehalten und doch logisch kompliziert sind.

 

„Mich interessiert, wie bewusst oder unbewusst wir auf Informationen zugreifen, sie rezipieren, verwerten oder auch von ihnen vereinnahmt werden“, so die Künstlerin in einem Gespräch mit der Kulturwissenschaftlerin Alice Grünfelder. „Bei dieser Arbeit war es mir wichtig, dass die Erkenntnis einer Verhinderung unmittelbar gekoppelt ist mit einer physischen Erfahrung: die Hand, die nach dem Buch greifen möchte und die sich wieder enttäuscht zurückzieht."

 

Abstracts Of A Biography zeigt den Zustand, in dem es nicht mehr möglich ist, Information aufzunehmen und zu verarbeiten.

 

Grundlage der Arbeit ist ein gebetsmühlenartiger Dialog zwischen der Künstlerin und ihrer an Alzheimer erkrankten Mutter über eine alltägliche Situation. Der Text wird formal und inhaltlich mehr und mehr entstellt, indem den Worten schrittweise Buchstaben entzogen und so auf vermeintlich banale Weise Gedächtnisverlust und Krankheitsverlauf umgesetzt werden. Die entstandenen Satzfragmente erhalten auf einmal eine andere Bedeutung – der Dialog scheint zu entgleisen, bis er in eine neue Form mündet.

 

 

Abstracts Of A Biography

 

Es zeigt sich: Kommunikation verschwindet nicht, sie verändert sich nur in dem Maße, wie das Individuum sich verändert. Die Arbeit verdeutlicht auch, welchen Wert ein einziges Wort haben kann und wie dieses Wort zum geistigen Kitt wird, der unser Ich zusammenhält und es ermöglicht, dass Erinnerung sich überhaupt bilden kann. Und es ist die Information im weitesten Sinne, die unserem Dasein Halt gibt, sei es in der aktiven Vermittlung oder in ihrer Rezeption.

 
Für die Arbeit Pull sammelte die Künstlerin an die 1000 TV-Stills, überwiegend Nachrichtenbilder von zwei Kriegen, die in unseren Medien breite Beachtung fanden, dem Kosovo-Krieg und dem jüngsten Irak-Krieg. Jedes einzelne Motiv hat Irene Sauter nach diversen Arbeitsschritten durch die Handpresse gezogen und auf einfache Papierhandtücher gedruckt. Der zeitaufwendige Entstehungsprozess ist eine bewusst gewählte Gegenbewegung zum gängigen Schnelldurchlauf, in welchem sonst die Ereignisbilder von den Medien pausenlos durch unsere Fernseher gejagt werden.

 

Auch hier fehlt die physische Erfahrung nicht: Hält man einen solchen Druck mit dem spröden und gleichzeitig fragilen Papier in Händen, durchbricht das haptische Moment die mediale Distanz, wie sie der glatte Bildschirm bietet. Das einzelne Film-Still wird zum Tafelbild, das berührt.

Die Künstlerin will auf diesem Weg dem Ereignis seinen ursprünglichen Wert zurückgeben und zitiert dabei Susan Sontag: „Bewegtbilder wie Fernsehen, Video und Kino prägen zwar unsere Umwelt, aber wo es um das Erinnern geht, hinterlassen Standbilder eine tiefere Wirkung. Unser Gedächtnis arbeitet mit Standbildern, und die Grundeinheit ist das einzelne Bild."

 

Die Spannung zwischen innen und außen, zwischen sensiblen, nüchternen Arbeiten und groben Materialien steht symptomatisch für alle Werke von Irene Sauter. Gemeinsam ist ihnen, dass sie bereits Entschwundenem nachspüren und sich dem Offensichtlichen verweigern.

 

„Größtmögliche Nüchternheit mit spröder Expression.“ Peter Herbstreuth

 

PULL, Towel 501

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