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Über Schönheit

Erläuterungen zu der Arbeit concrete news, dem Kunstwerk also ohne irgendeinen Text, erscheinen eigentümlich unangemessen. Die Arbeit zeigt sich auf ihre ganz eigene Weise schön; sie hat nichts Agitatorisches, nichts Entlarvendes, nicht einmal etwas Konstruiertes, wenn man sie wirken lässt – auch wenn es natürlich einen anderen Anschein haben müsste, da sie ja hochgradig konstruiert ist. Und doch bleibt da etwas Schönes, das sich (zum Glück) nicht so schnell fassen lässt und auch nicht sagen lässt; es verweigert sich.
 
Es mag an der Widersprüchlichkeit dessen liegen, was da zusammengefügt ist, der Flüchtigkeit einer Moment-Aufnahme und der Schwere und Endgültigkeit des Materials. Aber es liegt ebenso an dem Spuren-Charakter, Spuren so wie die in den Asphalt gebrannten Schatten der Menschen in Hiroshima und Nagasaki. Wie die Scherben aus Pompeji, die auf etwas anderes, eine andere Welt verweisen, von der nur noch vage Eindrücke (auch von Schönheit) existieren, und die aber zur Phantasie anregen. Es bleibt zunächst eine widersprüchliche Dichte, ein Spiel zwischen Konkretheit und Flüchtigkeit in der Arbeit.
 
Die Arbeit kommt also zunächst einmal ohne weitere Erläuterung aus, um einen eigenen Reiz zu entfalten. Der entsteht dadurch, dass in ganz ungewohnter Weise – man möchte fast sagen: ungehöriger Weise – Bilder und Materialen zusammen gezwungen werden, ohne dass der Zwang zerstören würde, sondern er löst sich gerade in einem doch wieder ephemeren Neuen auf. Der Zwang des Zusammenfügens ist aber, so scheint mir, gar nicht der vorherrschende Zug, sondern die Widersprüchlichkeit der Materialien, die das eigentlich Neue ergibt. Und das Neue lässt den Blick stolpern: Die Arbeit bietet sich aus sich selbst heraus als Angebot zur Aufklärung an.
 
Dabei hat die beredte Widersprüchlichkeit der Arbeit zuallererst einmal nichts mit dem „Inhalt“ des Bildes zu tun. Mehr noch: gerade unabhängig vom Inhalt entfaltet sie ihre bilderbrechende Kraft und Zärtlichkeit. Das Thema der Arbeit ist also plötzlich allein das (Ab-)Bild. Vielleicht ist das der Einlass für ein Gefühl von Schönheit – eine uralte Suche, die im Abbild das Wesen des Abgebildeten und gleichzeitig seine Schönheit zeigen will, als sei erst so ein Zugang zum Wesen des Gezeigten möglich.
 
Tatsächlich jedoch bildet ein bestimmtes Bild die Grundlage der Arbeit: US-Außenminister Powell bei seiner Rede zur Rechtfertigung des Irak-Krieges vor dem UN-Sicherheitsrat, New York, Februar 2003. Powell lügt dabei. Das Bild ist das des Moments der Lüge. Es scheint aber fast, als würde diese Information stören bei der Wirkung, die sich entfalten will bei der Betrachtung der Arbeit. Das hieße, es ginge der Erfahrung dieser Arbeit um das Verhältnis von Bild und Material, von Gegenwart und Dauer, von Flüchtigkeit und Anspruch - nicht aber von Nachricht und Manipulation, wie man es auch sehen könnte.
 
Die Arbeit von Irene Sauter geht aber über diesen Zusammenhang hinaus. Dem nährenden Zweifel, der bei ihrer Betrachtung spürbar wird, kann man vielleicht folgendermaßen Ausdruck geben: die Arbeit verweigert sich Erläuterungen – mit dem Hinweis auf das konkrete Powell-Bild – und dem Versuch, damit einen allgemein gültigen Systeminhalt greifbar zu machen, und hat dabei selbst eine eigene viel tiefere Wirkung, die auf solche (Zusatz-) Informationen ganz verzichten kann. Das „allgemein gültige System“, das man gar nicht „entlarven“ könnte, läge also woanders als mit dem Bild aus dem Sicherheitsrat angedeutet. In der Pompeji-Assoziation vielleicht… Die sagt: tatsächlich gerinnt Wirklichkeit in Bildern, tatsächlich überdauern Bilder die Zeit, tatsächlich erzählen sie, ganz handfest, etwas von nur Ahnbarem, tatsächlich zeigen sie Schönheit, die sich dem Zugriff der Zeit zu verweigern scheint – selbst wenn der Zusammenhang des zeitlichen Augenblicks eindeutig zu sein scheint. Die „Entlarvung“ entlarvt sich also selbst als oberflächliche Strategie – das alles erzählt diese Arbeit, wenn man sich nicht gegen ihre Schönheit wehrt.
 
Ein Hinweis mag noch helfen, einen weiteren, überzeugenden Aspekt dieser Arbeit zu sehen: In diesem einen Objekt verbinden sich gleichzeitig eigene vielschichtige und jahrelange Arbeitserfahrung als Bildredakteurin in einem Nachrichtensender, in dem die Künstlerin nebenberuflich arbeitet, also Alltagswirklichkeit, und hoch analytische Blicke auf sich vielleicht nur zum Teil verbergende Wirklichkeiten, und beides erscheint hier im Material gebannt.


Andreas Rostek, im Sommer 2011

 

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